Kirche für Hanau. Kirche für Dich.

Schwere Zeiten

Während ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich die Nachricht, dass einer meiner pastoralen Kollegen sein Leben beendet hat. Ein Mensch, der unzählige Stunden investiert hatte in die Pflichten seines Berufes: Er predigte und lehrte, traute und bestattete, er besuchte die Kranken und kümmerte sich um die Obdachlosen. Aber, als die Gemeinde ihm kündigte, veränderte sich sein Leben. Er begann zu trinken, er verschuldete sich immer mehr und einem Bestatter zu helfen ersetzte nicht seinen Beruf als Pastor. Er erkrankte an Depression und kam zu dem Ergebnis, dass es seiner Frau und den Kindern bessergehen würde ohne ihn. Aber er hat sich geirrt. Nun stehen die Hinterbliebenen alleine da mit ihrem seelenzerstörenden Kummer und manchen unverständlichen Schuldgefühlen.
Manchmal vergessen wir, dass auch Pastoren ganz gewöhnliche Menschen sind. Unrealistische Erwartungen, als könnten Pastoren und ihre Familien permanent und glaubensstark auf dem Wasser wandeln, führen zu tiefer Enttäuschung und Ernüchterung und können wie in diesem Fall tödlich sein.
Viele von uns kennen vermutlich ähnliche Situationen oder zumindest Tage, an denen sich eine solch starke Müdigkeit auf einen legt, weil man körperlich oder seelisch über seine Verhältnisse gelebt hat. Tage, die ohne Horizont, ohne Raum, ohne Klang und außerdem mausfarben grau sind. Solche Tage werden kommen und manchmal müssen sie kommen. Und ich versuche mir immer wieder klar zu machen, dass es keineswegs misslungene Tage sein müssen. Denn sie haben ein wichtiges Ziel, nämlich sich ernsthaft mit dem Sinn und Zweck des eigenen Lebens zu beschäftigen. Das tut man nicht so häufig, wenn alles problemlos vorbeirauscht. Manchmal empfinde ich, dass unsere Seele und die einzelnen Wurzelstränge gerade in solchen schwierigen Momenten eine Chance bekommen, in die Tiefe zu wachsen, hin zur Quelle des Lebens. Wenn ich das nicht begreife, wird die Kraft erlahmen, die Energie verpuffen und das Leben vertrocknen.
Wenn ich aber an solche Tage komme und mich darüber ärgere, dass ich wieder einmal nichts Vernünftiges geschafft habe, dann tröste ich mich mit dem Gedanken, dass der Tag etwas mit mir getan hat und deshalb kein verlorener Tag war. Er war nur etwas anstrengend.

Pastor Jonathan Lehmann